i2030: Regionalbahn von den Reisezeiten viel attraktiver als eine geplante S-Bahn – Dreierbündnis fordert Erhalt der Regionalbahnhalte in Falkensee

Pressemitteilung

In die Diskussion um die Entwicklung des Bahn-Korridors Nauen – Falkensee – Spandau im Rahmen des länderübergreifenden Projektes „i2030“ bringen sich nun drei Falkenseer Initiativen ein: Die Bürgerinitiative Schönes Falkensee (BISF), die Bahn AG des Bürgervereins Finkenkrug und das Aktionsbündnis PRO Regionalverkehr Osthavelland haben gemeinsam eine Untersuchung gestartet, um die möglichen Entwicklungen des Schienenpersonennahverkehrs (SPNV) in der Region aus Fahrgastsicht zu prüfen.

Auf der Strecke zwischen Berlin-Spandau und Falkensee wird nach der Konzeption der Länder Berlin und Brandenburg derzeit ein sechsgleisiger Ausbau mit je zwei Regionalbahn- und S-Bahn-Gleisen neben dem Fernverkehr geprüft. Während die Regionalbahn demnach nur noch sicher in Falkensee halten soll, würden die Bahnhöfe Seegefeld und Albrechtshof nur noch durch die S-Bahn bedient werden. Für den Bahnhof Finkenkrug steht die Lösung noch nicht fest, es kann aber erwartet werden, dass dort entweder die Regionalbahn oder die S-Bahn halten würde, aber eher nicht beide Verkehrsmittel.

Unter vielen Falkenseer Bahnpendlern wuchs nach der ersten Vorstellung der Planungen die Überzeugung, dass eine S-Bahn-Verbindung mit ihren vielen Halten eine deutlich längere Fahrzeit ins Berliner Stadtzentrum aufweisen würde und damit für die Nutzer vergleichsweise unattraktiv wäre. Zunächst hatten die Projektplaner des VBB (Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg) und der Deutschen Bahn behauptet, dass eine Express-S-Bahn in die Berliner Innenstadt in etwa gleich lange Fahrzeiten hätte wie heute die Regionalbahn auf den bekannten Strecken. Im direkten Vergleich wurde die Regionalbahnlinie RB 10 dort aber einfach vergessen. In einer Online-Veranstaltung am 1. Juni 2021 versprachen die i2030-Projektpartner zudem „schnelle, zusätzliche und umsteigefreie Direktverbindungen“ nach Berlin, und sogar: „Durch den möglichen Einsatz von Express-S-Bahnen ist eine deutliche Fahrzeitkürzung gegenüber dem Status quo möglich.“

Die drei Initiativen wollten die Attraktivität einer S-Bahn-Verbindung aus Falkenseer Sicht genauer prüfen. Sie haben daraufhin als – bislang fehlende – Diskussionsgrundlage einen Reisezeitenvergleich zwischen einer potenziellen Express-S-Bahn und einem Regionalbahnangebot für 100 Ziel-Bahnhöfe erstellt. Alle Fahrten wurden beispielhaft mit Start in Seegefeld und Richtung Berliner Zentrum definiert, die Fahr- und Umsteigezeiten unter Verwendung bekannter Routenplaner von BVG und Deutscher Bahn errechnet. In Seegefeld entsteht gerade ein großer Park&Ride-Parkplatz für die Bahnnutzer.

Das in einer aufwendigen Berechnung ermittelte Ergebnis besagt, dass nur bei 5 (fünf) von 100 Relationen die Express-S-Bahn mit ihren Fahrzeiten schneller wäre, und zwar um lediglich 1 oder 2 Minuten im direkten Vergleich. Auf der anderen Seite wäre die Fahrt mit der Regionalbahn in 94 (vierundneunzig!) Fällen kürzer, davon in 42 Fällen um 10 Minuten oder mehr. Auf einer Fahrtrelation gleichen sich die Zeiten. Die Regionalbahn ist also in der Gesamtschau von den Reisezeiten her für die Falkenseer Pendler deutlich attraktiver, sogar dann, wenn zwischendurch umgestiegen wird. Der Grund liegt u.a. darin, dass die S-Bahn derzeit von Spandau nur über die Berliner Stadtbahn (parallel zur RB 14) fahren kann, wichtige (und besonders schnelle) Direktverbindungen der RB 10 von Seegefeld, Albrechtshof und ggf. Finkenkrug etwa nach Jungfernheide und Potsdamer Platz gingen komplett verloren.

Im Lichte der von den Ländern vorgelegten derzeitigen Planungen bedeutet dies, dass mit einem künftigen reinen S-Bahn-Angebot eine Fahrt von Albrechtshof, Seegefeld und evtl. auch Finkenkrug nach Berlin teilweise deutlich länger dauern würde als bisher. Zum Berliner Hauptbahnhof bräuchten die Falkenseer mit einer Express-S-Bahn 15 Minuten länger als mit der Regionalbahn, zum Zoologischen Garten 9 Minuten, zum Ostkreuz 12 Minuten und zum Potsdamer Platz mit einem zusätzlichen Umstieg in Spandau mindestens 8 Minuten. Schneller wäre die Express-S-Bahn nur zu Zielen, die in der Nähe vom Bahnhof Westkreuz liegen, etwa nach Halensee oder zum Heidelberger Platz. Zusätzlich würde es direkte Verbindungen zu den neu geplanten S-Bahnhöfen Nauener Straße und Klosterbuschweg in Berlin-Spandau geben.

Es ist darauf hinzuweisen, dass in den veröffentlichten i2030-Unterlagen bislang nur eine „Prüfung von Express-S-Bahnen“ erwähnt wird (die Express-S-Bahn würde zwischen Spandau und Westkreuz nicht in Stresow, Pichelsberg, Olympiastadion, Heerstraße und Messe Süd halten). Sie scheint also noch nicht einmal gesetzt. Eine „normale“ S-Bahn, die alle Halte bedient, ist naturgemäß langsamer als eine Express-S-Bahn, was die Reisezeiten nochmals verlängern und das Bahnangebot noch weniger attraktiv machen würde.

Als Schlussfolgerung appellieren die drei Falkenseer Initiativen an die Planer, dass auf jeden Fall weiterhin Regionalbahnen mehrmals pro Stunde an allen Falkenseer Bahnhöfen, ggf. auch in Albrechtshof an der Stadtgrenze halten müssen. Damit befinden sie sich im Einklang mit der Beschlusslage aus der Falkenseer Stadtverordnetenversammlung von Anfang des Jahres. Eine Verschlechterung des Bahnangebotes in Zukunft ist aus Sicht der Bürgervertreter nicht zu akzeptieren. Sie sorgen sich darum, dass die Position Falkensees in den bisherigen Planungen von i2030 offenbar kaum berücksichtigt worden ist. Eine S-Bahn würde durch neue Halte vor allem West-Spandau erschließen, auf Brandenburger Gebiet aus ihrer Sicht eher ein ergänzendes Angebot darstellen.

Zu dem klaren Ergebnis meint Marc-Oliver Wille, Verkehrsexperte der BISF: „Selbst uns hat die Deutlichkeit der Zahlen überrascht. Vermutet haben viele, dass die Regionalbahn einfach schneller ist. Nun haben wir es schwarz auf weiß, dass dies in 94% der Relationen der Fall ist und die S-Bahn von den Reisezeiten ins Berliner Zentrum nicht mithalten kann. Die S-Bahn mag man aus anderen Gründen gut finden, etwa weil die Züge länger sind und mehr Türen haben. Ein gutes Angebot im SPNV kann es nur mit S-Bahn und Regionalbahn an allen Bahnhöfen Falkensees geben. Nur so wird die Verkehrswende gelingen.“

Detlef Hardorp, Sprecher der Bahn-AG des Bürgervereins Finkenkrug: „Die geplanten zwei Regionalbahngleise sollten auch in Seegefeld und Finkenkrug dazu dienen, den Regionalbahnfahrern P&R-Plätze anzubieten – nicht nur am Bahnhof Falkensee, wo es bereits jetzt zu begrenzte Parkkapazitäten gibt. Man sollte auch kreative Lösungen mit in Betracht ziehen, wie z.B. das Aneinanderlegen der Bahnhöfe Seegefeld und Albrechtshof, mit Halt der Regionalbahn an einem und der S-Bahn am anderen Bahnhof, mit Umsteigemöglichkeit zwischen beiden, ähnlich wie in Berlin-Charlottenburg. So bekäme Albrechtshof neu zwei Zugänge zu den Bahnsteigen: Einer in etwa wo er jetzt ist, und ein weiterer Zugang weiter westlich, der zugleich einem leicht nach Osten verschobenen Bahnhof Seegefeld dienen würde.“

Benno König, Sprecher von Pro Regionalverkehr Osthavelland: „Die Falkenseer und Finkenkruger Pendlerinnen und Pendler wollen die schnelle Regionalbahn von allen Bahnhöfen. Die S-Bahn ist hierfür kein Ersatz. Vielmehr sollten die geplanten zusätzlichen Gleise dafür genutzt werden, um den RB-Takt zu verdichten und so ein attraktiveres Nahverkehrsangebot nach und von Berlin zu schaffen.“


Hinweis zu den untenstehenden Dateien: Hier finden Sie die Unterlagen zum Reisezeitenvergleich zum Nachvollziehen. Die eine Datei enthält die Grundlagen für die Berechnungen, nämlich die verwendeten Fahrzeiten pro Linie für eine Express-S-Bahn und die Regionalbahnen (RB 10 und RB 14) in dem Szenario eines sechsgleisigen Ausbaus. Die zweite Datei führt die Reisezeiten vom Bahnhof Seegefeld zu den genannten 100 Zielbahnhöfen auf, samt genutztem Umsteigebahnhof (wenn erforderlich), sie zeigt in den hinteren Spalten die Differenz der Fahrzeiten in Minuten und gibt durch farbliche Markierung anschaulich Auskunft, welches Verkehrsmittel pro Relation das schnellere ist. Von den Bahnhöfen Finkenkrug und Albrechtshof ergeben sich vergleichbare Ergebnisse.


Aktuelles zum i2030-Projekt Berlin-Spandau – Falkensee – Nauen (Korridor „West“) finden Sie sonst hier: https://www.i2030.de/west/

3 Gedanken zu „i2030: Regionalbahn von den Reisezeiten viel attraktiver als eine geplante S-Bahn – Dreierbündnis fordert Erhalt der Regionalbahnhalte in Falkensee“

  1. Den Ansatz, auf die Reisezeit abzustellen, kann ich gut nachvollziehen, profitiere ich doch selbst bei meinen täglichen Fahrten zur Arbeit davon. Allerdings möchte ich doch Gegenargumente ins Feld führen, die für mich nicht unerheblich sind und eine S-Bahn nicht ganz so negativ erscheinen lassen. Meine Argumentation bezieht sich nur auf die beiden Haltepunkte Albrechtshof und Seegefeld, ab Finkenkrug sehe ich den Vorteil der Regionalbahn viel deutlicher.

    1. Ein zuverlässiger „echter“ Takt
    Ich finde das bisherige Angebot mit zwei RB-Linien im 25/35-Minuten-Abstand (plus Einzelfahrt RE 2) nicht attraktiv. Ein echter 20- oder sogar 10-Minuten-Takt bedeutet für mich indirekt einen deutlichen Zeitvorteil, da ich auf den speziellen Zug nicht mehr so stark angewiesen wäre. Es gehen bei mir bestimmt zehn Minuten „Puffer“ für den Weg zur Regionalbahn drauf, plus die Zeit, die ich eventuell zwangsläufig „vertrödeln“ muss.

    2. Ein besseres Platzangebot
    Selbst zu Zeiten des vorgegebenen Homeoffices sind die Züge recht voll. Mit weiterem absehbaren Zuzug, allein in Falkensee, wird es in Seegefeld und Albrechtshof, mehr noch als schon unter Vor-Corona-Bedingungen, ziemlich unwahrscheinlich, einen Sitzplatz zu bekommen. Mir persönlich wären ein paar Minuten Reisezeit mehr mit Sitzplatz lieber, obwohl ich dann auch umsteigen müsste (und ich profitiere von der RB 10-Relation zum Potsdamer Platz enorm).

    3. Die Abhängigkeit vom Fernverkehr
    Ja, ich weiß, es wird mitunter eine 6-gleisige Trasse propagiert, die dieses heutige Problemfeld auch für die Regionalbahn ausschließen müsste. Allein, ich glaube nicht daran, dass es in absehbarer Zeit dazu kommen wird. Der notwendige Umbau des Knotens Bahnhof Spandau ist so kompliziert, dass Jahrzehnte ins Land gehen werden, bis dieses Szenario real würde. Auch ein Großteil der heutigen Trasse durch Spandau gibt per se keine Sechsgleisigkeit her. Die S-Bahn hingegen ist jetzt schon unabhängig im Betrieb und relativ einfach zu verlängern, könnte also in wenigen Jahren schon zu einer Verbesserung beitragen. Ab dem Fahrplanwechsel an diesem Sonntag haben wir einen 30-Minuten-Takt Berlin-Hamburg. Die Gefahr besteht, dass die ohnehin oftmals verspäteten oder gar ausfallenden Züge der Linien RB 10 und RB 14 noch unzuverlässiger werden. Spätestens dann wäre jeglicher Fahrzeit-Vorteil nach Fahrplan hinfällig.

    Außerdem befürchte ich, dass die Fortdauer beider Haltepunkte (Albrechtshof und Seegefeld) bei einer Neubetrachtung – außer bei einer S-Bahn – schwierig durchzusetzen sein wird. Es könnte also ehrlicherweise auch mit einer Regionalbahn in diesem Punkt zu Nachteilen kommen.

    Kurzum, obwohl der Status quo durchaus seine unbestreitbaren positiven Seiten hat, die meinetwegen gerne bleiben dürfen, insbesondere wenn ab Dezember 2022 auch der RE 2 durchgängig überall hält, gibt es mittel- und langfristig auch eine andere Perspektive, die man nicht aus den Augen verlieren sollte.

    1. Danke für die konstruktiven Anmerkungen. Es war ja angedeutet, dass die S-Bahn auch Vorteile haben kann. Im Kern stand hier der Reisenzeitenvergleich, aber es gibt natürlich noch weitere Argumente. Die Forderung ging auch nur dahin, dass bei einer neuen S-Bahn-Verbindung auch die Regionalbahnen an den bisherigen Bahnhöfen halten sollten.
      Das heutige Regionalbahn-Angebot sollte man u.E. nicht allein mit einem zukünftigen S-Bahn-Angebot vergleichen. Wenn es neue Gleise gibt, kann auch die Regionalbahn in Zukunft in einem unabhängigen 15-Minuten-Takt mit höheren Kapazitäten fahren.

      1. Das war auch ohne Frage keine Kritik an dem Vergleich und auch nicht an den gezogenen Schlüssen. Mehr ist immer besser. 😉

        Es war lediglich der Versuch, anzudeuten, dass man, falls es eines Tages „hop oder top“ heißen sollte, das Beste daraus macht. Insbesondere wenn mein ungutes Gefühl nicht trügen sollte, dass es für die eigene Regionalbahntrasse am Ende eng oder zumindest sehr spät wird.

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